„Es sind Kinder, die einfach Kinder sind“

Zum mittlerweile zweiten Mal während unserer Tour haben wir heute eine Erstaufnahmeeinrichtung besucht. Die Zeit in der EAE Eisenhüttenstadt war für uns alle eine unglaublich emotionale Erfahrung. Mit den dabei gewonnenen Eindrücken haben wir heute die EAE in Ferch/Glindow besucht. Die Anlage mit einer Kapazität von ca. 300 Menschen wird im Moment von 50 Geflüchteten bewohnt – überwiegend sind hier Familien und Alleinerziehende untergebracht. Gerade sind ein drittel der Bewohner Kinder und Jugendliche. Genau dieser Teil der Gruppe; „die Kleinen“ haben uns heute besonders interessiert.

Wie lebt und erlebt man die erste Zeit in diesem Land, wenn man nichts und niemanden kennt? Die EAE’s sind die allerersten Orte, in denen Geflüchtete untergebracht werden und sollten dementsprechend ausgestattet werden, um ein gutes Umfeld gestalten zu können. Doch die Bedingungen in den Unterkünften für Geflüchtete sind natürlich nicht die Besten. Länger als sechs Monate bleibt hier niemand, es ist ein Übergangsort. In der Theorie ist es kaum vorstellbar, wie man ohne richtigen Tagesablauf oder Alltag, ohne einen privaten Rückzugsort und ohne eine „langfristige Beschäftigung“ irgendeiner Art seine Zeit verbringen kann. Wir konnten uns mittlerweile zumindest ansatzweise ein Bild davon machen und haben gesehen, dass es vor allem für die Kinder unglaublich wichtig ist, gute Strukturen zu schaffen. Als Kind möchte man die Welt entdecken, alles sehen, alles verstehen – um das zu ermöglichen ist eine gute Begleitung im Alltag wichtig. In Ferch haben wir in diesem Bereich, wie ich finde, heute ein Vorzeigebeispiel kennengelernt, welches trotz vieler Hürden, und den Umständen verschuldeten Schwierigkeiten, funktioniert.

Um mehr über die Betreuung der jungen Menschen in Ferch zu erfahren, haben wir uns dort mit dem Erzieher Roland Böhm getroffen. Zu Anfang des Jahres hat er angefangen hier zu arbeiten, vorher war er in einer „Regelkita“. Als einziger Erzieher der gesamten Unterkunft, hat er mit einigen Herausforderungen zu kämpfen. Dennoch schafft er es durch großes Engagement, Angebote für alle zu gestalten. Er hat uns in der Unterkunft herumgeführt, zum Mittagessen eingeladen und von seinen Erfahrungen in der Arbeit mit den geflüchteten Kindern erzählt. Sofort hat man gemerkt, dass er mit Herz dabei ist und dass er einen offenen und positiven Blick auf die Arbeit hat. Die Chancen in dieser Situation zu erkennen, scheint in der Praxis vielleicht schwierig. Doch wer erkennt, dass „das Bedürfnis der Kinder, die Welt zu entdecken und zu verstehen immer da ist“, und dass die Kinder, „wenn wir Integration schaffen wollen, unsere Zukunft sind“, kann es nur ernst meinen. „Es sind Kinder, die einfach Kinder sind“ – Wie soll es auch anders sein?

Als er anfing hier zu arbeiten, richtete er ein Kinderzentrum ein, in dem heute alle Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit haben zu Malen, Basteln, Lernen, Lesen und in diesem Rahmen zwanglos deutsch zu Üben. Kinder jeden Alters und vieler Nationalitäten verbringen hier in einem bunten Miteinander ihre Tage. Das Kinderzentrum wird von den Kleinen als „Roland Schule“ bezeichnet. Um mehr altersgerechte Angebote umsetzen zu können, ist als nächstes großes Projekt geplant, gemeinsam mit den Jugendlichen Räume für einen Jugendclub zu gestalten. Neben der Fahrradwerkstatt soll eine Holzwerkstatt entstehen. In anderen Räumen sind Klassenzimmer eingerichtet, in denen Deutschkurse für alle BewohnerInnen der Einrichtung angeboten werden. Das Sozialteam der Einrichtung besteht neben Roland als Erzieher, aus einem Hausbetreuer und zwei Sozialbetreuern.

Finanzielle und ehrenamtliche Unterstützung bekommt die EAE auch durch das „Netzwerk der Hilfe“, welches als Willkommensinitiative Ende 2014 durch ein Projekt der Kirche in Caputh entstanden ist. Mittlerweile engagieren sich hier 130 BürgerInnen aus Schwielowsee, Werder und Umgebung. Da die Anlage der EAE in einem Industriegebiet liegt, ist hier keine unmittelbare Nachbarschaft zu finden. Doch um das Verständnis der Menschen im Umkreis zu fördern, werden zum Beispiel gemeinsam mit dem Netzwerk regelmäßig Willkommensfeste und Sommerfeste gefeiert. Das Netzwerk akquiriert unter anderem sehr viele Spenden nach Bedarf, der aus der Einrichtung kommuniziert wird. Doch die EAE benötigt, so Böhm, noch Supervision der MitarbeiterInnen und ein Budget, um Ausflüge oder Ähnliches zu finanzieren.

Nachdem wir mit Roland Böhm gegessen und über erste Inhalte gesprochen haben, sind wir raus gegangen und haben uns gemeinsam mit den Kindern, dem formen von Riesen-Seifenblasen, dem „Himmel-und-Hölle“ spielen und dem malen mit Straßenkreide gewidmet. So hatten wir bei sonnigem und heißem Wetter sehr viel Spaß zusammen. Die Stimmung war gut und es lag eine Leichtigkeit in der Luft. Die Kinder waren neugierig und haben sich über die Aktionen gefreut. Bei der überschaubaren Anzahl an Menschen, die auf dem Gelände herumirren und den lachenden Kindern vergisst man leicht, wo man gerade ist. Doch genau das beruhigt mich auch irgendwo – denn was wünscht man Kindern mehr, als Unbeschwertheit?