Gefühle, die überwältigen. #Eisenhüttenstadt

Für uns alle war es das erste mal Erstaufnahmeeinrichtung (EAE). Für uns alle war es das erste Mal ZABH.

Für uns alle ist es nicht richtig in Worte zu fassen. Ich versuche es trotzdem.

Wir hatten für diesen Termin geplant, dass wir gemeinsam mit dem DRK, dem Träger der Einrichtung, mit den Kindern der EAE spielen. Wir waren uns schon bewusst, was uns erwarten würde. Gemeinschaftsunterkunft. Alle zusammen, viele Kinder, viele Familien. Aber man, das ist so schwer in Worte zu fassen.

Uns allen ist das Leid bekannt. Natürlich. Tagtäglich reden wir über Flucht & Asyl, über Geflüchtete. Monatelang war das Schicksal derer, die ihre Heimat verlassen müssen, Titelthema Nummer Eins in Zeitungen und Fernsehen.
Auch ich habe schon Gemeinschaftsunterkünfte besucht, mit Kindern gespielt, die flüchten mussten. Aber das war irgendwie etwas ganz anderes.
Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll und uns gingen tausend Gedanken und Gefühle durch den Kopf.
Nachdem Herr Nürnberger, Leiter der ZABH Eisenhüttenstadt, uns empfing und uns ausführlich über den Registrierungsprozess aufklärte, über die Situation der letzten Monaten und den Ablauf der Arbeit in der EAE, verbrachten wir den Nachmittag mit den MitarbeiterInnen der DRK und ca. 50 Kindern bei Tee und Kuchen, Seifenblasen, Kreidebildern und Fußballtor-schießen.

Die Kinder lachten, unsere Bonbons waren schneller weg als wir schauen konnten. Und trotzdem.
Es ist ein bedrückendes Gefühl. Die Menschen, die Familien, die Kinder sind hier angekommen mit weniger als einer handvoll eigenen Sachen. Sie flohen vor Krieg, Vertreibung, sie überlebten das Massengrab Mittelmeer oder die gefährlichen Routen nach Europa.

Die Menschen, die dort arbeiten geben täglich ihr Bestes. Trotzdem dachten wir uns: Wie können diese Kinder hier ein schöneres Leben haben? Braucht es mehr Betreuung? Mehr Spielzeug? Die Kinder, die die Kreidestückchen in ihren Hosentaschen bunkerten, damit sie welche für später hätten – die Jungs, die so sehr lachten, weil sie stundenlang Fußball spielen konnten mit unseren Jungs, die so außer Atem und so überwältigt waren.

Ich kann, ich will das gar nicht in Worte fassen, weil ich nicht glaube, dass Worte diesem Leid, diesem Elend gerecht werden was die Kinder und die Familien erlebt haben.

Ein Mädchen erzählte uns, dass sie in Dänemark von Police-Officern abgeholt und nach Deutschland zurückgeschickt wurde. Sie will einfach nur wieder zur Schule gehen, aber darf nicht. Ihr Asylverfahren: Ausstehend.

Herr Nürnberger erzählte, dass es mittlerweile innerhalb von drei Tagen zur Anhörung beim BAMF kommt. Es hätte sich also eingespielt. Es kommen nicht mehr hunderte Menschen am Tag an, wie vor einem Jahr. Die Zelte sind abgebaut.

Aber da hab ich ein Kind auf dem Arm, mit dreckiger Kleidung, ohne Schuhe, mit wunden Füßen und es weint bitterlich als ihr Vater sie abholt und will nicht von meinem Arm runter. Das ist bittere Realität. Ich wünschte von Herzen, es wäre nicht so.

Das es laut ist, das Jungs sich schubsen, wenn sie den Fußball haben wollen, dass sie anfangen zu weinen, wenn sie nicht sofort einen Keks bekommen, das kann auch alles in deutschen Kindergärten passieren. Das ist auch bei Geburtstagen meiner Neffen und Nichten der Fall ;-). Aber, und das ist der große Unterschied: die Freundinnen und Freunde meiner Nichten und Neffen haben alle einen eigenen Fußball zu Hause. Die Eltern können zu Hause den Schrank aufmachen und verschiedenste Süßigkeiten rausgeben. Die Freundinnen und Freunde meiner Nichten und Neffen, meine Nichten und Neffen selbst, die haben eine Zukunft. Sie können das Beste aus ihrem Leben machen. Sie wissen, dass sie immer in ihr eigenes Bett nach Hause zurückkehren können, dass sie sich zum Geburtstag im Spielzeugladen was aussuchen können. Sie werden nicht fliehen müssen.

Wir haben in die Kinderaugen geguckt und wussten: nicht alle haben eine Zukunft in Deutschland. Und selbst diejenigen, die bleiben können, werden es sehr schwer haben.

Krieg ist so ungerecht. Es ist so widerlich. Uns rollten die Tränen die Wange hinab, als wir vom Gelände runter fuhren. Die Ehrenamtlichen, die MitarbeiterInnen, die Alle ihr Bestes geben, mehr als sie normal arbeiten müssten, die so viel auffangen wollen wie möglich, aber für all’ das nichts können.
Das Kinder eine bessere Zukunft haben, einfach aus der Tatsache heraus welche Hautfarbe oder auf welchem Fleckchen Erde sie geboren wurden, das ist das was mich so unendlich sauer, so unendlich traurig und fassungslos macht.

Und trotzdem gilt: das Kinderlachen an diesem Nachmittag werde ich nie wieder vergessen. Es klingt in meinen Ohren. Ich sehe die funkelnden Augen, wenn ich einschlafe. Trotz all’ den schweren Gefühlen, wir haben sie ein bisschen glücklich gemacht, für einen Moment, der wie eine Sekunde schien. Das muss uns aufbauen. Mehr können auch wir nicht leisten.

Meine Hochachtung an diejenigen, die all’ dieses Leid, diese Gefühle tagtäglich auffangen.
Durch Euch wird die Welt zu einem besseren Ort.

Stoppt die Kriege. Stoppt das Sterben.
Für ein Leben in Würde. Und mit Zukunft.