Willkommen in der Willkommensklasse

Willkommensklassen sind differenziert zu betrachten. Für mich jedenfalls. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass den Jugendlichen ein Tagesablauf ermöglicht wird, eine Eingliederung in den Schulalltag und sie mit Jugendlichen zusammen sind, die etwas ähnliches wie sie selbst erlebt haben. Sprachfeststellung, Leistungseinschätzung, wahrscheinlich ist das besser in sog. „Willkommensklassen“ möglich. Aber nehmen wir uns doch mal das Wort „Willkommensklasse“ vor. Wie viel „Willkommen“ ist denn möglich?

Der Einzige, der dies in einer Willkommensklassen übernehmen kann, ist: der Lehrer. Bei einer Klassenstärke von 22 SchülerInnen, von Tschetschenien bis Afghanistan, von 8 Sprachen sprechend bis eine Sprache sprechend, von klugen Köpfen mit viel Schulerfahrung (auch im Heimatland) zu Analphabeten. Alles ist dabei. Wie kann ein Lehrer oder eine Lehrerin da eine individuelle Förderung geben? Das ist schwer bis gar unmöglich. Wir sprachen mit den SchülerInnen der zwei Willkommensklassen am OSZ Teltow-Fläming in Luckenwalde über ihre Wünsche und Träume, wollten Gemeinsamkeiten aufzeigen. 
Schnell öffneten sich die Jugendlichen uns. Erzählten von ihren Erfahrungen, von ihren Träumen. Alles war dabei. Der Wunsch nach einer Katze; perfekt deutsch sprechen zu können; viele wünschten sich ein Auto. Für viele ist Mobilität ein wichtiger Faktor. So sind sie in verschiedenen Dörfern untergebracht wo eine Integration in das „Stadtgeschehen“ von Luckenwalde schwer möglich ist. Sie wollen teilhaben am gemeinsamen Leben. Ein Anderer wünschte sich Arzt zu werden.

Und dann kommen die elementaren Wünsche: einen Ausweis haben, ihre Familie zu sehen, einfach nur deutsch zu lernen, auch mehr Sport und mehr Unterricht wird sich gewünscht. Es sind die Dinge, die eine Persönlichkeit ausmachen – sie prägen.

Innerhalb von zwei Jahren soll den Geflüchteten hier ein Abschluss ermöglicht werden. Die engagierten Lehrer sollen die rudimentäre Grundausbildung übernehmen. Das zu leisten, bei einer so unterschiedlichen Klasse ist herausragend. 

Wir sprechen mit den Lehrern. Pünktlichkeit und Disziplin ist ein großes Problem. (Bei welchem Schüler ist es das aber nicht 😉 ) 

Ich frage, ob es denn Auseinandersetzungen innerhalb der Klasse gebe. Das wird mir bestätigt. Die unterschiedliche Herkunftsländer, bilden Cliquen – der Stärkere gewinnt. Es scheint irgendwie alles wie in einer „normalen“ Klasse zu sein, einer der Lehrer warnt vor einer „Ghettoisierung“. Wir haben auch schon unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besucht, die in Regelklassen integriert waren. Auf jeden Fall  konnten sie besser deutsch sprechen. Den Wissensstand kann ich bei beiden Varianten nicht nachvollziehen und ist auch überhaupt nicht meine Aufgabe. Aber das es leichter ist, die deutsche Sprache zu erlernen, wenn Du auch gezwungen bist, sie dauernd zu sprechen, weil deine MitschülerInnen eben nicht arabisch, sondern auch deutsch sprechen… das ist wohl nicht zu leugnen. 

Ich hatte ein bisschen Bammel vor den Willkommensklassen. Schließlich ist unser Workshop dafür da, Jugendliche über Asyl und Flucht aufzuklären. Wir sind in den letzten beiden Wochen so sensibilisiert worden, dass ich auf keinen Fall irgendwelche Erinnerungen wecken wollte, die ein Traumata verstärken. Aber sie erzählten uns viel, waren aufgeschlossen und hatten im Großen und Ganzen augenscheinlich wirklich Lust mit uns über ihre Wünsche und Träume zu sprechen.

Ich bin sehr froh, dass durch Willkommensklassen ein heranführen an den Schulalltag ermöglicht wird, glaube aber, dass wirkliche Integration nur durch die Eingliederung in Regelklassen gelingt.